Würde Jesus heute noch Zwölf finden?

Ein Blick zurück an den See Genezareth – und nach vorn in unsere Kirchenlandschaft

Der italienische Maler Duccio di Buoninsegna hat wohl nicht daran gedacht, dass die Fischer noch Teenager gewesen waren

Stellen Sie sich den Autor der Offenbarung auf Patmos vor, der in dem Buch von einem Thronsaal voller Feuer spricht, von apokalyptischen Reitern und einer Stadt, die vom Himmel herabkommt. In unserer Vorstellung, geprägt von Jahrhunderten religiöser Kunst, ist der Schreiber ein ehrwürdiger Greis mit langem, weißem Bart und der Weisheit eines Methusalem.

Doch drehen wir die Zeit um mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, an das schilfumsäumte Ufer des Sees Genezareth. Es riecht nach totem Fisch und Schweiß. Dort steht kein weiser alter Mann, sondern ein Teenager – fünfzehn Jahre alt, vielleicht auch achtzehn, mit schwieligen Händen und der hitzköpfigen Energie eines Jugendlichen. Sein Name: Johannes. Als da ein Wanderprediger vorbeikommt und sagt: „Folge mir“, lässt dieser Junge alles liegen: das Boot, die Netze, die Zukunftspläne seines Vaters Zebedäus.
Der größte Seher des Neuen Testaments war, als seine Geschichte begann, im besten Konfirmandenalter … Diese Episode wirft ein grelles Licht auf unsere heutige Kirchenlandschaft.

Das gnadenlose Sieb

Das jüdische Bildungssystem des ersten Jahrhunderts war ein effizientes dreistufiges Ausleseverfahren, straff wie ein Casting-Format.

  • Stufe eins, das Beit Sefer: Ab etwa fünf Jahren lernten jüdische Jungen die Thora auswendig. Mit zehn, zwölf Jahren war für die meisten Schluss: Zurück ins Handwerk des Vaters!
  • Stufe zwei, das Beit Talmud: Wer als begabt erkannt wurde, durfte weiter, lernte den Rest der Schriften und die Kunst der Debatte. Wer nun daran scheiterte, ging mit einem klaren Urteil nach Hause: Gut, aber nicht gut genug – flicke die Netze deines Vaters! Rabbi wirst du nicht.
  • Stufe drei, nur für die absolute Elite: das Beit Midrasch. Der hochbegabte Teenager bat auf den Knien um Aufnahme als Talmid (Schüler) und wurde tagelang geprüft. Erst wenn der Rabbi überzeugt war, sprach er den erlösenden Satz: „Nimm mein Joch auf dich, folge mir nach.“ Talmid zu sein hieß, den Rabbi nachzuahmen – zu gehen, wie er ging, zu beten, wie er betete, zu denken, wie er dachte. (Jetzt verstehen wir auch, was Jesus meinte mit dem Joch in Matthäus 11,28–30.)

Johannes und sein Bruder Jakobus hatten es nicht geschafft – sie waren im Boot gelandet, beim Netzeflicken. Auf gut Hebräisch: Sie waren durchs Raster gefallen. Aussortiert. Für die Elite nicht gut genug.

Wie Jesus das System zerschlug

In dieses starre System bricht Jesus hinein – und was er tut, das muss die religiösen Autoritäten der Zeit bis ins Mark erschüttert haben: Er wartet nicht im religiösen Elfenbeinturm, bis die Musterschüler sich bei ihm bewerben. Er geht an den See, zu denen, die das System abgeschrieben hatte.

Für Johannes muss das ein Schock gewesen sein: Ein Rabbi kommt persönlich zu ihm, dem Fischerjungen, und sagt im Grunde: Ich glaube, du hast das Zeug dazu. Diese totale Gnade fegte jede Vorsicht hinweg.

Wusste Johannes, wem er da folgte? Er hatte Jesus bereits am Jordan beim Täufer erlebt, hatte gehört: „Das ist das Lamm Gottes.“ Sein Bild von Jesus wuchs in Etappen weiter: erst der faszinierende Rabbi, dann der Wundertäter, schließlich der Messias – und doch sahen die Jünger in ihm den General, der die Römer vertreiben würde (wirklich verstanden haben sie ihn erst nach seiner Kreuzigung und Auferstehung). Ohne Sicherheitsnetz sprangen sie in ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang; sie folgten einer Person, nicht einem Lehrplan.

Übrigens war die Truppe alles andere als harmonisch: raue Fischer, dazu der Zöllner Matthäus, als Kollaborateur der Römer verachtet, und der Zelot Simon, dessen Widerstandsgruppe Leute wie Matthäus am liebsten mit dem Dolch erledigt hätte. Dass sie gemeinsam durchs Land zogen, statt einander an die Gurgel zu gehen, das war nicht normal.

Mit der Zeitmaschine ins Jahr 2026

Wenn dieser Jesus heute durch die Bankreihen unserer Kirchen gehen, dem IT-Spezialisten den Laptop zuklappen und sagen würde: „Lass alles stehen. Folge mir. Jetzt!“ – was dann? Die Reaktion wäre ein kleines Drama. Johannes sprang sofort auf, doch wir würden heute im Papierkram versinken: Aus welcher Denomination kommt er? Liegt ein Beschluss des Kirchengemeinderats vor? Was sagt der Sektenbeauftragte? Bricht heute jemand die Ausbildung ab, um einem Wanderprediger zu folgen – die erste Reaktion ist selten Jubel, eher der Verdacht, er hätte sich radikalisiert. Die Kompromisslosigkeit, die man sonntags vielleicht noch feiert, gilt am Montag als auffällig und bedenklich.

Und dann sind da die modernen Fischernetze – subtiler und zäher gesponnen als das Netz, das Johannes hinter sich ließ: das Sicherheitsnetz aus Kranken- und Rentenversicherung, das Wohlstandsnetz mit Immobilienkredit, Leasingvertrag und all den Abos, das Verpflichtungsnetz aus Ehrenämtern, Ausschüssen, Vereinsmitgliedschaft. Unser Besitz hat uns fest im Griff: Zweijahresvertrag, Leasingauto, die Wohnung noch fünfundzwanzig Jahre abzubezahlen … Und ausgerechnet kirchliche Ämter können die größte Hürde sein: „Jesus, Mitkommen geht schlecht, ich leite den Finanzausschuss in unserer Kirche.“ Man ersetzt den Organisator durch die Organisation – und merkt es nicht einmal.

Synagoge oder Ekklesia?

Der Unterschied zwischen dem, was Jesus gründete, und dem, was wir heute verwalten, lässt sich an zwei Begriffen festmachen. Die heutige Kirchlichkeit funktioniert vielfach im „Synagogen-Format“: ortsgebunden, bewahrend. Man geht hin, konsumiert eine religiöse Vorführung, geht wieder heim. Jesus dagegen sprach von der Ekklesia (Matthäus 16,18) – der Bürgerversammlung derer, die herausgerufen wurden, um mit Vollmacht zu handeln: eine mobile Gemeinschaft mitten in der Welt, aber nicht von ihr beherrscht.
Die Zahlen zur kirchlichen Lage – schrumpfende Gottesdienstbesucherzahlen, zu entsorgende Immobilien, sinkendes Vertrauen – zeigen: Das Problem ist nicht nur ein Mangel an Glauben, sondern dass wir feststecken in gut gemeinten Strukturen und die Stimme des Rabbis kaum noch hören würden.

Sieben Wege, um wieder verfügbar zu werden

Man muss weder Teenager noch Fischer sein, um wieder ein Jünger im ursprünglichen Sinn zu werden. Man muss vor allem eines zurückgewinnen, was Johannes selbstverständlich hatte:

Verfügbarkeit. ● Die eigenen Netze benennen – sich zehn Minuten Zeit nehmen und ehrlich aufschreiben, was einen im Ernstfall zögern ließe: Was benannt ist, verliert einen Teil seiner Macht. ● Klein anfangen, aber wirklich anfangen – niemand muss morgen kündigen; aber jeder kann diese Woche einer unbequemen Einladung tatsächlich folgen, statt sie aufzuschieben. ● Aus dem Verwalten ins Handeln wechseln – bei der nächsten Sitzung ehrlich fragen: Diene ich hier Gott oder vor allem der Struktur? ● Programme durch Präsenz ersetzen – ein offenes Ohr für den Nachbarn, ein spontanes Gebet mit einem Kollegen: das ist oft näher an der Ekklesia als das nächste Seminar. ● Sich prüfen lassen, ohne sich zu verstecken – Johannes vertraute der Person, lange, bevor er das ganze Bild kannte.

Man muss nicht zuerst alle Fragen geklärt haben, um den nächsten Schritt zu gehen: Bewusst ein Risiko in Kauf nehmen – was ist mein Boot, was sind meine Netze, und was würde es kosten, sie zumindest eine Zeit lang loszulassen, probeweise sozusagen? Gemeinschaft suchen, die mobil bleibt – die ersten Jünger waren eine bunt gemischte, oft zerstrittene Truppe und keine perfekt organisierte Institution. Nachfolge findet eher am Küchentisch statt als im nächsten Gremium.

Vielleicht hätte Jesus heute tatsächlich Mühe, zwölf Menschen zu finden – nicht, weil es zu wenige Gläubige gäbe, sondern weil es zu wenige gibt, die sich noch die Unbeschwertheit eines Teenagers erlauben: unvernünftig genug, um auf drei schlichte Worte hin loszugehen. Die Einladung steht trotzdem. Die Netze sind heute nur aus anderem Material geknüpft als damals am See Genezareth. Loslassen kann man sie trotzdem.

Z-kompakt 2/26

 

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By Z - Redaktion

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